Pissouri Bay, Cyprus

Regina, die Königin der Legenden

Regina, die mysteriöse Königin auf Zypern vor lang vergangener Zeit, spielt die Hauptrolle in vielen Sagen und Legenden. Sie versetzt uns zurück in die Antike und das Mittelalter und ist eng mit den Gebäuden dieser Zeit, Höhlen, schönen Gegenden, Quellen und Flüssen, mit kleinen Kapellen, den Ebenen und Bergen, geheimnisvollen Schätzen und mehr oder weniger mit der gesamten Insel verbunden. Hunderte von Ruinen der Antike auf ganz Zypern gehören Regina.

Die berühmte Regina von Zypern wird mal als gutherzig und mal als grausam, neidisch und rachsüchtig dargestellt. Andere Schilderungen beschreiben sie als eine Kriegerin mit einem eigenen Heer und dann wiederum wird berichtet, dass sie schwach und hilflos sich in abgelegenen Höhlen verbarg. Nur in einem Punkt stimmen alle Darstellungen überein. Alle beschreiben sie als übermäßig schön, stolz und geheimnisvoll. Sie hat keinen eigentlichen Namen und ist nur unter der Bezeichnung Regina bekannt. Sie ist reich und ihr gehören viele verborgene Schätze, die sich auf der gesamten Insel befinden sollen. Die Bezeichnung „Regina“ stammt aus dem Mittelalter, während der Fränkischen Herrschaft (1192 – 1489 n. Chr.) als Zypern ein fränkisches Königreich war, deren Herrscher auf Griechisch „Rigas“ und Rigissas“ genannt wurden. Das Volk weigerte sich diese Monarchen Könige zu nennen, da der einzige anerkannte König, im Bewusstsein des Volkes, der Kaiser in Konstantinopel war. Welche dieser Herrscherinnen, die Reginas, haben das Volk der damaligen Zeit so fasziniert, dass aus ihnen Legenden gedichtet wurden?

Drei Königinnen waren besonders bekannt und wurden das Gesprächsthema des Volkes. Die Königin Eleonora von Aragon, Gattin des Königs von Zypern. Peter I. (1359-1369)..Sie war kraftvoll, intrigant, feurig und berühmt für ihre vielen Liebhaber. Viele identifizieren sie mit der Heldin des mittelalterlichen Gedichtes der Arodafnousa. Das einzige Gedicht, das eine Regina erwähnt.

Die Königin Eleni (Helena) Palaiologa, Nichte des letzten Kaisers von Byzans, und Gattin des Königs von Zypern, Johann II. (1432 – 1458 n.Chr.). Sie war kraftvoll und entschlossen und eine Beschützerin des orthodoxen Glaubens, der Religion der griechischen Zyprioten.

Die dritte Königin war Caterina Cornaro, die letzte Herrscherin auf Zypern und Gattin von Jakob II. von Lusignan, auch genannt Jakob der Bastard (1460-1473 n.Chr.) In den Jahren 1474 bis 1489 war sie die alleinige Herrscherin auf Zypern. Ihre Herrschaft wurde mit der Eroberung der Insel durch die Venezianer beendet. Sie war besonders beliebt beim Volk und als sie Zypern im Jahre 1489 verließ, gab es ein großes „Tränen vergießen“ wie Aufzeichnungen berichten.

Diese drei Königinnen Zyperns scheinen Modell gestanden zu haben, für die mystische Regina der Legenden und Überlieferungen. Waren sie es wirklich? In vielen zyprischen Überlieferungen trifft die legendäre Regina auf Digenis Akrita. Hier gibt es wieder verschiedene Versionen über die Beziehung zwischen den beiden. Mal ist Regina seine Liebhaberin, mal weigert sie sich in zu heiraten und ein anderes Mal wird sie sogar als sein Feind dargestellt. Digenis war ein Held während der byzantinischen Epoche und kommt somit geschichtlich aus einer Zeit lange vor der fränkischen Herrschaft. Es gibt hier also einen Anachronismus, eine Art Zeitverschiebung, wenn von einem Treffen zwischen diesen zwei Menschen aus unterschiedlichen Epochen gesprochen wird. Ist Regina eine, an Zeiträume ungebundene Gestalt, die in verschiedenen geschichtlichen Epochen auftritt? Oder gab es eine andere Regina, die keine Königin war? Es scheint, als ob es ein Burgfräulein oder eine aristokratische Gattin eines Lehnsherrn während der byzantinischen Epoche gegeben hat, die später während der fränkischen Herrschaft das Vorbild für die Schöpfung einer Volkslegende war. Das würde die Tatsache erklären, dass es auf Zypern in verschiedenen Gegenden Königreiche und mehr als eine Herrscherin, als Regina gab.

Wenn wir also nach der berühmten Regina von Zypern suchen, könnten wir davon ausgehen, dass in ihrer Person die Königinnen der fränkischen Periode, die Lehnsherrinnen, die beeindruckenden Gattinnen des mittelalterlichen Adels und sogar die byzantinischen Aristokratinnen verkörpert sind. So erklären sich auch die unterschiedlichen Charaktere der Regina und warum sie in einigen Sagen unverheiratet ist und eine Beziehung mit Digenis eingeht und warum sie ihn in anderen Fällen abweist und versucht ihm zu entgehen. Dann wieder gewinnt ein König ihre Liebe und in anderen Legenden ist sie verheiratet und hat Kinder In anderen Sagen wiederum ist sie allein, vermeidet den Kontakt mit Menschen und zieht sich in Höhlen oder auf die Berggipfel zurück. Es gibt auch Überlieferungen, in denen sie religiös ist und Kirchen oder Klöster erbaute oder mit ihnen in Verbindung gebracht wird.

Viele Gebiete auf Zypern haben eine Beziehung zu Regina. Die drei Burgen der Bergkette „Pentadaktylos“ (Kyrenia-Gebirge) werden als Burgen der Regina bezeichnet. Es ist auch die Rede davon, dass sie die Herrin von 101 Häusern war, wobei eines davon versteckt und mit Schätzen gefüllt sein soll. In Lefkara, in Pissouri, in Akama, in Tilliria und anderen Gegenden gibt es Türme, die Regina gehört haben sollen. Alle Dörfer auf Zypern, die den Namen „Pyrgos“ (griechisch für Turm) tragen, haben eine Verbindung zu Regina.

Regina soll auch die Herrin der Festung von Kolossi gewesen sein und laut Überlieferungen soll der König ihr so viel Land geschenkt haben, wie sie mit bloßem Auge erblicken konnte. Daraufhin baute sie einen hohen Turm, um ihre Ländereien besser überblicken zu können.

In Anogyra gibt es den „Graben der Regina“ der, einer Überlieferung zufolge, mit Schätzen gefüllt sein soll. Die todunglückliche Regina soll die Reichtümer dort hinein geworfen haben, nachdem ihr Sohn, einem Sturz folgend, darin umgekommen war. An einem anderen Ort, in Amianto, findet man die Bäder der Regina, in Pafos, Kouklia, Dora und anderen Orten gibt es Höhlen der Regina und ihre Schätze sollen in Agios Tychonas und in Episkopi Limassol verborgen sein. Die byzantinische Epoche mit ihrer intensiven Religiosität hatte die Verehrung der Aphrodite und mit ihr die vielen Legenden, die das Volk um die Göttin der Liebe gesponnen hatte, von der Insel verschwinden lassen. Aus der Vergötterung für Aphrodite in der Zeit der Antike entstand die Legende der mittelalterlichen Regina, die während der byzantinischen Epoche ein Liebesverhältnis zu Digenis Akrita hatte. Digenis Akrita war der neue moderne Kriegsgott und Nachfolger des Ares. der in der Antike der Liebhaber von Aphrodite war. Und genauso, wie Aphrodite mit der Heiligen Jungfrau verknüpft wurde was aus einem ihrer vielen Titel „heilige Jungfrau Aphroditissa“ deutlich wird, so wurde Später die heilige Jungfrau in einigen Fällen mit der Regina in Verbindung gebracht. Von allen Heiligen, wird die heilige Jungfrau auf Zypern am stärksten verehrt und ihr sind die meisten Klöster geweiht. Es ist deutlich erkennbar, dass diese drei Frauen, Aphrodite, die heilige Jungfrau und Regina, die Schutzheiligen Zyperns sind. Allerdings vermischten sich die Überlieferungen über die Jahre und Verwirrung ist entstanden. Zu den antiken Legenden wurden neue Legenden erdichtet, die die Phantasie des Volkes anregten und diese drei Frauen wurden zum Mythos. Regina hat eine vergängliche Gestalt, in Dunkel gehüllt und geheimnisvoll, ohne eine bestimmte Form anzunehmen. Sie ist wie eine nicht greifbare Elfe oder Fee, ein Phantom, das in jeder verlassenen Burg und Ruine zu Hause ist.

Die Gestalt der Regina wurde ausschließlich durch den Volksmund überliefert. Über die Jahrhunderte hinweg reifte über sie zwar eine reichhaltige Dichtung aber es gibt keine schriftlichen Aufzeichnungen oder genaueren Einzelheiten. Der Zeit war es nicht gelungen, die legendäre Regina zu bezwingen, aber das Wissen hat schicksalhaft über sie gesiegt und die Ausgrabungen warfen Licht auf das Dunkel der Jahrhunderte. Die Schätze und die mittelalterlichen Überreste, die allmählich die archäologische Spitzhacke Tageslicht treten, geben uns Erklärungen darüber wann die verlassenen Burgen und antike Ruinen erbaut wurden, wer sie bewohnt, und sogar wie sie zerstört wurden. Für den märchenhaften Reichtum der Regina, der hier und dort verborgen sein soll, gibt es eine einfache Erklärung. Es handelt sich dabei mit Sicherheit um die vielen Antiquitäten, die sich im Schoß der zyprischen Erde befinden. Man darf nicht vergessen, dass Zyperns Geschichte bis tief in die Abgründe der Jahrhunderte und auf der Insel während der Antike zwischen neun und zwölf Stadtkönigreiche existierte. Natürlich konnte das einfache Volk die reichen Funde, die in früheren Zeiten als der Antiquitätenschmuggel blühte, entdeckt wurden, nicht anders erklären. Die reichen Gravierungen auf den antiken Gräbern, die unzählige Geräte und Schmuckstücke aus Gold und Silber enthielten, wurden als enthüllte Schätze der Regina gewertet. Je mehr Jahre vergehen und je mehr sich unser Wissen vertieft umso weniger wird man von der legendären Regina hören.

Und doch, sie wird nie aufhören, ein Symbol für die Seele Zyperns zu sein.